Ecke Vogelsanger-Äußere Kanalstraße: Früh morgens auf dem Weg zur Arbeit, am Büdchen stehn schon zwei Arbeiter, beim ersten Käsebötchen tauscht man sich über Gott und die Welt aus. Die Müllabfuhren kommen eine nach der anderen aus ihrem Lager gerumpelt und biegen in die nächtlichen Straßen ein. Es regnet, doch ich kann mich nirgends unterstellen, denn an dieser Kreuzung warte ich auf meinen Kollegen, der mich mit zur Arbeit nimmt. Paarweise rauschen Lichter und Scheibenwischer durch den Regen an mir vorbei. Ich weiß, dass ich auf ein kaputtes Licht warte, also ein einzelnes. Minutenlang lasse ich die Autos vorbeiziehen, versuche Gesichter hinter den verschwommnen Scheiben zu erkennen, sehe überall einzelne stumme Gesichter auf dem Weg zu einem harten Arbeitstag.
Im Auto läuft WDR5, mehr als ein paar Begrüßungsworte müssen wir nicht austauschen. Ich genieße die Wärme, die mich langsam vom Fußboden her durchdringt und freue mich auf die lange Fahrt quer durch Köln, das zwar langsam aufwacht, aber immer noch in nächtliches Schwarz getaucht ist. Das schöne ist, dass so früh morgens keiner schnell fährt, keiner hat es eilig und um diese Uhrzeit verschläft auch keiner. Langsam tuckern die goldenen Lichter durch die Straßen, lassen hier noch zwei aus der Seitenstraße vor, lassen da noch einen Regenschirm über die Straße springen und fädeln sich so durch die Stadt.
Im Radio reden sie über Politik und wir überqueren den Rhein. Mir kommt es so vor, als führen hier alle noch ein Stückchen langsamer, um noch einen Blick auf die Wasserstraße zu erhaschen, die im langsam dämmernden Morgendunkel majestätisch dahinfließt. Eine Straßenbahn kämpft sich an uns vorbei durch den Regen, ein Junge mit Kopfhören schaut auch auf den Rhein. Von so vielen Blicken lässt dieser sich garnicht einschüchtern und setzt stoisch seinen Weg Richtung Nordsee fort.
Es wird heller, Leute pferchen sich an Haltestellen zusammen, verstreut auf den Häuserfassaden kündigen immer mehr erleuchtete Fenster den anbrechenden Tag an. Die Arbeit rückt näher, aber im Radio reden sie immer noch über Politik. Mein Kollege und ich wechseln inzwischen sogar das ein oder andere Wort: Ja, wir haben beide keine Lust auf Arbeit. Die Umgebung verändert sich, wir durchkreuzen keine Wohngegenden mehr, stattdessen säumen große Lagerbauten und Fabrikgebäude unseren Weg. Nach einigen Minuten durch die Schluchten der Industrie biegen wir auf einen kleinen Parkplatz und halten an. Noch ein paarmal kurz durchatmen, bevor wir aussteigen.
Vor der Tür steht ein Grüppchen mit Zigarette und Kaffee, auch hier tauscht man sich über Gott und die Welt aus und genießt die letzten Minuten vor Anbrechen des Tages.