Da ich einige positive Rückmeldungen auf meine bisherigen Artikel bekommen habe, folgt nun ein dritter Teil der Alltagsreihe! Es geht um einen Arbeitstag von Auszubildenden in einer Elektronikwerkstatt. (Natürlich rein fiktiv und nicht zur Nachahmung empfohlen
)
Montag, 7:18 Uhr: Die ersten Auszubildenden schlurfen durch die Eingangstüre hinein und setzen sich erstmal auf ihren Platz. Auch die Meister kommen einer nach dem anderen herbeigetrödelt und verziehen sich erstmal in die Büros. In stillem gegenseitigem Einvernehmen werden erst einmal 10-15 Minuten strikte Ruhe gehalten, um Kraft für die schweißtreibende Arbeit zu sammeln.
So gegen 8 kommt es zu ersten Arbeitsabläufen, die schon sehr gut einstudiert sind, und deshalb reibungslos ablaufen. Deswegen müssen die Meister dafür auch nicht aus ihren Büros kommen. Was sie durch ihre Fensterscheiben beobachten können, zeugt von einer klaren Hierarchie. Die Mitglieder des dritten Lehrjahres starten die ganze Prozedur, indem sie dem 1.Lehrjahr eine komplett ausgefüllte Frühstücksliste überreichen. Die meist sehr extravagenten Wünsche müssen bis halb 10 aus dem nahe gelegenen Edeka besorgt werden. Doch die Liste ist noch nicht komplett. Ein besonders Mutiger des 1.Lehrjahrs muss sich in die Höhle des Löwen begeben, um die Frühstückswünsche der Meister abzuholen. Dass diese dabei auch gleich Teile ihres Wocheneinkaufs erledigen lassen, wird nicht nur akzeptiert, nein, es wird sogar unterstützt, da es wertvolle Arbeitszeit in Besitz nimmt.
Um 9 sind die Einkäufe erledigt, aber es ist noch eine halbe Stunde bis zur lang ersehnten Frühstückspause. Diese halbe Stunde reicht für kleinere Arbeiten, die zwischendurch erledigt werden müssen. Die beiden schmächtigen Brillenträger, deren Stärke eher in der Theorie liegt, beschäftigen sich mit einem Oszilloskopen, der viele abgespacte Knöpfe hat, und wenn man diese betätigt, interessante Formen anzeigt. Wer es schafft, die krassere Form aufs Display zu zaubern, erntet tiefen Respekt vom anderen. Dann sind da noch die beiden Spielkinder, die sich weniger in die Materie vertiefen, sondern lieber ein illegales Gangrennen mit ihren Stühlen veranstalten. Zunächst geht es durch eine dunkle Schlucht, rechts und links komplizierte und wertvolle Schaltschränke, hinter denen das vierte Lehrjahr begeistert zuschaut. Wer den 360°-Move um die Säule schafft, kriegt Extrapunkte. Am Ende der Schaltschrankproduktion weisen die tiefen Bremsspuren im Parkett auf die gefährliche Haarnadelkurve hin, die es gilt, zu meistern, um auf die Zielgerade einzubiegen. Vorbei an der eingestaubten Bohrmaschine und dem von Ratten bewohnten Putzschrank, prettert man auf die Zielrampe zu, die einen auf den Meisterparkplatz befördert. Einen Sieger gibt es nicht, da kurz vor dem Absprung die Uhr auf 9:28 Uhr umspringt. Zeit für eine wohl verdiente Pause!
Bis zum Mittagessen folgt noch einmal eine sich endlos ziehende Arbeitsphase, zu der sich sogar die Meister zeigen. Da ist der zerstreute Ingenieur, der dem ersten Lehrjahr versucht, die Wechselschaltung zu erklären. Oder der hibbelige Fachkundelehrer, der einem zur Hand gehen soll, aber nur Taschenbillard spielt. Der Obermeister und Chef von allem, betagt, rundlich, klein und grimmig, wie er ist, schleicht wie eine Hyäne durch die Reihen und lugt den Auszubildenden über die Schulter. Dass diese nur testen, welcher Lötkolben am schnellsten auf 100° Grad ist, will er nicht als Anlass zu einem Donnerwetter nehmen, schließlich ist ja Montag.
Die wohl härteste Zeit beginnt nach der 3-Uhr-Pause, wenn es Zeit wird, sich für den Putz bereit zu machen. Auch hier kann man wieder eine klare Hierarchie erkennen: Die älteren Auszubildenen schauen den Neulingen beim Putzen gemütlich zu, während die Meister endlich Gelegenheit sehen, ihre Autorität gnadenlos auszunutzen. Bei den Zuschauern dieses Rituals kommen meist nostalgische Gefühle auf, da es zwar die härteste Phase des Tages ist, aber man nicht selten in spannende Abenteuer verwickelt wird.
Zunächst wird die Mülltonne geleert. Durch die vielen Arbeiten ist natürlich auch viel Dreck angefallen. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Dies müssten eigentlich auch die Kollegen aus der Tischlerwerkstatt wissen, die direkt unter dem Elektronikbereich arbeiten. Warum schauen sie einen dann so seltsam an, wenn 5 pikfein gekleidete Elektroniker in einer Polonese den Mülleimer zur Tonne bringen? Provokant werden dabei auch noch die Büros der Tischlermeister durchquert, aber komischerweise befinden sich diese gerade an lauten brummenden Maschinen, und nicht an spannenden Pinnball-Multiplayer-Matches, wie die Elektroniker es von ihren Chefs gewohnt sind.
Eine weitere beliebte Teilarbeit des Nachmittagsputzes ist das Aufräumen des Lagers. Dort kann man sich in einer angenehm schummrigen Athmosphäre einschließen, und zwischen Spinneweben und Leitungstrommeln ein Nickerchen halten. Doch wie durch eine innere Uhr geweckt, kehrt man 16:23 Uhr zurück in Werkstatt, um sich zu der an der Tür wartenden Reihe zu gesellen. Auch die Meister warten dort schon, aber sind ungewohnt penibel und lassen einen erst um 16:28 Uhr in die Freiheit.
Nein, das Arbeitsleben in seiner grausamen Härte will mir nicht gefallen, drum hab ich mich fürs Abitur entschieden!
Schlagwörter: Ausbildung, Elektronik, Gammeln
21. Oktober 2008 23:22 um 23:22